Ein Thema, das mich schon seit längerer Zeit interessiert, dem ich aber noch nicht sonderlich nachgegangen bin, das aber zugleich bereits seit einigen Jahren durchaus auch in deutschsprachigen Geisteswissenschaften ein Mode-Forschungsthema ist: ist die wilhelminische Zeit in Bezug auf das möglicherweise wechselseitige Verhältnis von aufkommender Technisierung und aufkommendem Spiritismus.
Was ich mich nämlich auch immer gefragt habe: ein wichtiges Geschichten-Reservoir und Fixpunkt für die englische Literatur ist ja die viktorianische Literatur und auch da spielt das Zugleich von Technik und "modernen" Formen des Okkultismus etc. eine große Rolle. Viele Archetypen der modernen Literatur werden da geboren oder erhalten ihre prägende Gestalt (Detektiv, Vampyr usw.). Siehe dann z. B. in späteren Retroformen à la Steam Punk.
Seltsamerweise aber, obwohl doch meines Wissens nach auch ab den 1880er Jahren z. B. gerade Berlin einen entsprechenden Modernisierungsschub erhält, findet dieses in der deutschsprachigen Literatur nicht den annähernd gleichen Niederschlag, oder falls doch nicht mit entsprechender Nachwirkung (mir fällt spontan eigentlich nur Meyrink ein). Ich dachte jedenfalls, da könnte doch eventuell noch einiges zu bergen sein.
Wie gesagt, über den naheliegenden Konnex von Okkultismus und Technisierung auch im Wilhelmismus hab ich dann also einige Bücher jetzt mal ermittelt und zunächst einmal die ganz okaye (wenn auch nicht gerade mit Verve geschriebene) Übersicht "Das Okkulte - Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung" gelesen, die bei Gutenberg beginnt und im Jahr 2008 bei esoterischen Foren endet. Man kann natürlich den Esoterikschmonzes auch dadurch desavourieren, dass man dessen historische Entwicklung mal herleitet und dann deren "ewige Wahrheiten" eben mit je aktuellen Anpassungen und Modifikationen darlegt. War jetzt für mich persönlich eben so mittelinteressant.
Mehr erhoffe ich mir jetzt von Wolfgang Hagens "Das Radio - Zur Geschichte und Theorie des Hörfunks" wo unter anderem eben auch die Bedeutung spiritistischer Vorstellungen für die spezifische Ausprägung des Radios in Deutschland herleitet (während im Vergleich später sie dann in den USA ganz anders erfolgt). Das schöne an Wolfgang Hagen übrigens auch, dass man jede Menge seiner Aufsätze auf seiner Seite abrufen kann. Und für mich schon als ganz guter Einstieg auf das erwähnte Buch, das ich gerade erst angefangen habe, ein einstündiges Gespräch mit Wolfgang Hagen dazu (muss also so 2005 stattgefunden haben):
Zusätzlich empfohlen sei die sowieso tolle Reihe "artmix.gespräch" beim BR, da lohnt eigentlich jede Folge, sofern Ihr an Radio und dessen Möglichkeiten / Ästhetiken interessiert seid, zu den hier nur angerissenen Themen wie Technik vs. und mit Magie, Radiogeschichte usw. z. B.
- Technik, Magie, Medium - Mit Albert Kümmel-Schnur
- Äther - Mit Christina Vagt
- Die Frühgeschichte des Radios - Mit Daniel Gethmann