Gerade, ich glaube, einen Tag vor #aufschrei, hat Christoph Kappes ausgemacht, dass eine wesentliche Funktion von Blogs das Aushandeln sozialer Normen sei. Den Bloggenden / Bloglesenden gehe es darum, "ihre Moral zu kommunizieren, durchzusetzen und zu verfeinern und miteinander die Regeln zu verhandeln, mit denen Gesellschaft gelebt werden soll."
(Kappes hat obiges auch in Abgrenzung zu massenmedialen Öffentlichkeiten formuliert. Wie dieses moralisches Verhandeln über #aufschrei vom Netz "in die Medien" schwappt, dort entsprechend nach deren Regeln weiter verarbeitet / inszeniert wird und wieder zurückstrahlt usw., wäre vielleicht auch mal ne gesonderte Beobachtung wert, aber darum gehts mir grad nicht, sondern:)
Also, das wird jetzt auch so'n Moraltext. Mehr für mich, denke ich, aber weil veröffentlicht letztlich auch fürs Außen (weshalb das Folgende vielleicht als "redet mehr über seine eigenen Befindlichkeiten als übers eigentliche Problem" oder Fleißkärtchenhabenwollen oder angestrengte Rechtfertigungsrede gelesen werden kann oder oder).
Vor ca. vier Wochen jedenfalls stand ich an einer Tür in der S-Bahn, Buch vor der Nase. Zwei etwa vierzehnjährige Mädchen treten zum Aussteigen vor mich hin, ich blicke auf. Sagt die eine (in ehrlicher Empörung): "Hey, der hat dir grad voll in den Ausschnitt geschaut".
Meine Reaktion darauf: krampfhaftes ins Buch zurückstarren, bis wir alle eine gefühlte Ewigkeit später an der nächsten Haltestelle ausstiegen, und ich abschließend noch eines "bösen" Blickes gewürdigt wurde.
Tja. Es war mir peinlich und ich ärgerte mich ein wenig. "Technisch gesehen" war der Vorwurf vielleicht nicht falsch, sonst aber komplett, fand ich. Zwar hatte ich meinen Blick auf das vor mir stehende Mädchen gerichtet (deutlich kleiner als ich), der aber war nirgends "hängengeblieben" o.ä.. Und überhaupt: ich glotz doch keine Kinder an! usw. usf.
Gefragt im Nachgang habe ich mich dann: wie hätte ich darauf gescheit reagieren können (vermutlich im Sinne von "gut dabei wegkommend") - ohne wie ein Ertappter oder völliger Empörer zu klingen?
Denn andererseits finde ich es zugleich ganz richtig, wenn junge Mädchen ordentlich und lautstark Adressieren, dass sie sich belästigt fühlen. Was ja dann (von meiner Warte aus) irgendwie auch ein Recht auf "Irrtum" einschließen muss.
Vermutlich war Mundhalten gar nicht mal so verkehrt. Vielleicht wäre ein "Sorry, falls das so rüberkam, war nicht so gemeint" o. ä. passend gewesen, zugleich aber auch unrealistisch, denn ich war a) ziemlich perplex und b) fühlte mich "unschuldig", so dass ich dann unmittelbar auch unbedingt hätte transportieren wollen: "Ihr irrt Euch, ehrlich!"
Jedenfalls und genauso realistisch: ist mir ja auch kein Zacken aus der Krone gefallen, weil ich hier des Gaffens bezichtigt wurde. Und jetzt kommt die Moral von der Geschicht: In Abwägung dessen, was mir persönlich (und damit auch "für die Allgemeinheit") lieber ist, dann doch, dass Frauen auf Belästigungen reagieren statt sie stillschweigend hinzunehmen.
Das ist es ja dann auch (und wurde so auch wiederholt gesagt) was letztlich das Anliegen der ganzen #aufschrei-Debatte um Alltagssexismus ist: dieses Aushandeln.
(Was sich einem z. B. auch in historischer Perspektive erschließt: es war mal in früheren Zeiten okay, in der Öffentlichkeit seine Notdurft zu verrichten und ist es heute aus Gründen, die den meisten einleuchten, nicht mehr usw.)
Und was ich dabei nur begrenzt verstehe, denn eigentlich scheint mir das alles so sonnenklar, dass es mir fast peinlich ist hinzuschreiben: man muss sich selbst nichtmal das Label "Feminist" o.ä. zuschreiben wollen, und sollte es doch trotzdem für erstrebenswert halten, der berühmten "Sei-kein-Arsch"-Vorgabe zu folgen?
Was also ist jetzt nochmal gleich so "schlimm" daran, zu versuchen, sein Verhalten entsprechend darauf zu überprüfen, ob man sich selbst nicht besser an ein paar Mindeststandards hält? Naja.
Zum Schluss: das ist bei mir selbst auch nicht alles ohne Widersprüche und Ambivalenzen. Bei obigem geht es ja "nur" um Alltagssexismus, wenn ich aber dann z. B. so Verhaltenskodexe, bei denen es zusätzlich um "schwerere" Vergehen geht, dann wüsste ich jetzt nicht, ob ich diesen Regeln so immer und überall zustimmen könnte / möchte bzw. imaginiere ich da gleich wieder andere, auch heftige Schwierigkeiten.
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