May 13, 2012

So. Es ist ja schon lächerlich mit dem Dings hier, aber egal. (Gestern wollt ich das hier schon reinhaun, dann war aber scriptogram kaputt, naja)

Vor eineinhalb Wochen war ich bei der Mosse-Lecture "mehr" mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen an der HU und das hat - wie wohl den meisten Zusehenden - großen Spaß gemacht. Eigentlich hätte man, um der Veranstaltung gerecht zu werden, sich wohl spontan äußern müssen. Da die Sache jetzt auch online ansehbar ist (unbedingt empfohlen), jetzt also doch noch ein paar Worte. Anmerkung: alles aus der Erinnerung heraus, ohne mir nochmal das Video anzuschaun.

RG und DD also im Ping-Pong, wobei Goetz den Takt vorgab und Diederichsen dann seins illustrativ beisteuerte. Goetz hat, kann man wohl sagen, auf eine Weise sein poetologisches Programm dargelegt (bzw. was dessen Nahrung ist). Das erstmal, indem er eher wenig überraschend einen Kanon von Tagebuch-Literatur heranzitierte (Pepys, Brinkmann etc.), deren besondere Wirkung sich seiner Ansicht nach eben nicht aus den Verfestigungen ergibt, die daraus herauslösbar wären ("Stellen"), sondern erst "wirklich" wirkt durch das Beiwerk, das (vielleicht nichtmal scheinbare) Nebensächliche & Banale. Genau genommen stellt sich die Frage, was was ist, so eigentlich gar nicht.

Der möglichst weit zu fassende Erfassungsanspruch des Diaristischen speist so jenes "mehr" (nicht umsonst klein geschrieben) als nicht einzuholender Rest. Aufschreiben wird in aller Konsequenz zum permanenten Aufschieben, Nicht- bzw. besser: Nie-Aufhören, weil das aufs Totale gerichtete Schreiben immer unzureichend bleiben muss - welche hübschen Quälereien sich daraus ergeben, beschreibt Goetz dann ganz anschaulich. Zugleich ist aber wegen der Unmöglichkeit der Erfüllung für dauerndes Weitermachen gesorgt. (Das ist, was bei Deleuze/Guattari dann wohl mit "immer gegen n-1 schreiben" gemeint ist).

Erheiternd, wie Goetz deshalb gegenüber Diederichsen überspitzt, aber trotzdem mit fast heiligem Ernst Literatur als überlegen verteidigte gegen die bildende Kunst, die fast nur "Scheussliches" (Lieblingswort des Abends) abliefere, weil deren Werke eben eher auf Abschluss ausgelegt seien. (Ich meine mich auch eines schwachen Einwurf Diederichsen zu erinnern ob des so gefassten und so auch sehr angreifbaren Werkbegriffs)

Die Aufschreibmanie ist der eigene (damit auch: einem selbst gehörende) Wahn, dem Gesamtwahn namens Welt entgegengesetzt und zugleich damit korrespondierend. Der wiederum schreibt sich u.a. fort in den "Journalen", also Presseerzeugnissen, die überpersönlich, tagtäglich und im eigenen Dauerbezug die schönsten Un-/Zufälle und Dauer-Cut-Ups erzeugen. Man muss halt nur hinschaun.

Und das ist ja auch wohl das, was man von Goetz so "weiß", der ja auch ein bestimmtes öffentliches Bild verkörpert, also u.a. des manischen Zeitungssammlers, der zwischen entsprechenden Stapeln und Wänden sitzt, die mit zurechtgefalteten Zeitungsseiten/-collagen vollhängen . Ein paar ausgewählte Beispiele zierten die Rückwand des Saales, so groß aufgezogen und sorgfältig gehängt, dass sie schon als "Kunst" durchgehen konnten. Spätestens als Goetz auf Nachfrage erläuterte, was für ihn daraus so herauslesbar sei, mögen einem (d.h.: mir :) ) zwei Typen des Populärfilms eingefallen sein: der Serienmörder mit seiner Trophäenwand aus Zeitungsartikeln und der Polizist, der Ermittlungsergebnisse als Collage auf ein entsprechendes Tableau bringt. Wobei ich natürlich ausdrücklich das jetzt nicht wirklich ins Pathologische gedreht wissen will, aber es stand eben durchaus für "den eigenen Wahnsinn gegen den der Welt setzen."

Goetz baut sich also aus den Druck-Erzeugnissen vorrangig der deutschsprachigen Presselandschaft so eine Art Analog-Netzwerk und lässt die Funken schlagen. Auf die naheliegende Frage, warum er sich auf gedruckte Zeitungen und Zeitschriften beschränke, wo doch das Prinzip von Montage/Collage sich vielleicht bei den "liquiden" Formen wie Internet etc. pp. noch viel eher anböte, hob er vor allem auf die für ihn einmalige "Materialität" des Gedruckten ab. Glaub ich so, vermute aber auch, es hat zusätzlich auch noch mit der vielleicht gerade noch handle-baren Summe zu tun, die das System "Deutsche Print-Presse" so bietet (ein Hoch auf den Perlentaucher von ihm auch deshalb), heißt: spätestens ab Internet mit allem Pipapo, was so an Strömen möglich ist, wirds tatsächlich kaum mehr kontrollierbar - selbst wenn zuvor bereits jedwede Kontrolle als imaginiert begriffen wurde.

Der Mediensprung hin zu den Strömen mag auch deshalb nicht mehr gemacht werden (jedenfalls nicht mit Haupt-Augenmerk, es tauchten ja auch erstaunliche Namen wie Don Alphonso (!) auf), weil die Verflüssigung für einen Zugriffsanspruch steht, dem das Programm des "mehr" entgegengestellt wird. Das mag dann auch an den gewählten Beispielen und Erzählungen aus seinen Lektüren deutlich werden, die Goetz brachte, denn die kamen doch vorrangig für mich als Klatsch daher (meine ich ohne jede Pejoration, dürfte aber trotzdem kein seltener Vorwurf an Goetz sein, vermute ich), also wenn er etwa Maxim Billers Porträt von Christian Kracht lobt (das ich nicht kenne) und wie dann eben alle anderen öffentlichen Gestalten geradezu soapartig zueinander in Beziehung gebracht werden usw. (Die "Soapisierung" dann ja auch in Diederichsen Text vom Parkbesuch.)

Malo twitterte heute: "Die tolle Goetz-Diederichsen-Lecture gesehen und wehmütig das heute nicht mehr stattfindende Journalhafte der alten Blogs vermisst." (Er hats hintendran gleich als Verklärung identifiziert). Und tatsächlich: so wie Goetz da mit seinem Analognetzwerk noch Text mit fassbaren Personal rausschlägt, könnte es (alte These von mir) damals™ eben auch deshalb funktioniert haben, weil es einen noch relativ überschaubaren Pool Bloggender gab, die dann sehr rege und intensiv einander wahrnahmen und man sich nicht nur, aber auch so ein "mehr" erzeugte - so wie es heute als Teil-Öffentlichkeit der Literaturbetrieb o.ä. vielleicht noch für Goetz vermag. (Zu Blogs derzeit schreibe ich - hoffe ich! - später nochmal nen Extradings, eigentlich sollte die Überschrift darauf hinaus, ich lasse sie jetzt aber trotzdem so stehen).

Gegen die Ströme spricht zusätzlich dann auch, weil sie auch für jenen Zugriffsanspruch stehen, der vor irgendwelchen Subjektgrenzen ja nun längst nicht mehr abstrakt haltmacht, sondern fast schon als common sense und ganz konkret Arbeits- und Lebenswelt ausgestaltet (hier wieder: DD und sein Moritat auf den befreundeten Künstler, der sich selbst tötete eben wegen dieser totalen Inanspruchnahme).

Es gab noch eine Frage aus dem Publikum, die ich nicht mehr so ganz zusammenkriege, die aber in etwa so gestellt wurde, ob nicht gerade zur Zeit in Feuilletons es einen "bestimmten Diskurs" gäbe vom "wirklichen Leben" o.ä., der wohl für den Fragenden (der damit kokettierte, nicht wirklich zu wissen, was er meinte) eben genau für jene totalen Zugriffe dauernder Verfügbarkeit etc. pp. stand, gegen den sich "mehr" dann richtet. Es kam also nicht wirklich raus, was damit als mögliche Gegenposition gemeint sein könnte. Mir fiel jener Trend ein, der dann auch dem Namen als Cult of Less passt und eben als bewusster Verzicht daherkommt, sich andererseits auch reduzieren ließe auf Was-brauch-ich-noch-außer-mein-Smartphone. Das wären dann von der Perspektive des "mehr" tatsächlich so Lebensoptimierungs-Ideologien, die auf Verzicht als Lifestyle setzen und deren Vulgärform sich dann in so Optimierungsprogramme à la Getting-Things-Done und Simply-whatever niederschlägt. Und das ist nicht der schlechteste Feind!

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